JR an der Pont Neuf, eine kühne Hommage an Christo und Jeanne‑Claude
- Romain Class
- 6. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Jan.
Es ist jetzt offiziell: JR wird die älteste Brücke von Paris in eine immersive und spektakuläre Installation verwandeln, für einen begrenzten Zeitraum vom 6. bis 28. Juni 2026, kostenlos und für alle zugänglich. Dieses Projekt ist eine direkte Hommage an die ikonische Einhüllung der Brücke, die 1985 von Christo und Jeanne‑Claude durchgeführt wurde. Das Werk, 120 Meter lang, wird die größte immersive Kunstinstallation der Welt sein.

In einer Stadt, die an Steinmonumente und klassische Werke gewöhnt ist, wird die Pont Neuf — ein Symbol für Geschichte, Übergänge, die Seine und das urbane Leben — zu einem Raum des Traums und der Transformation. Mit dieser „Höhle“ bedeckt JR die Brücke nicht einfach: er erfindet sie neu. Er öffnet eine Lücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Moderne, Architektur und Poesie.
1985 — Die kühne Tat von Christo und Jeanne‑Claude
Vor vierzig Jahren, 1985, veränderten die Künstler Christo und Jeanne‑Claude Paris mit ihrer Vision. Ihr Projekt The Pont Neuf Wrapped bestand darin, die Pont Neuf — mit ihren Bögen, Laternenpfosten und Gehwegen — in steinfarbenen Stoff zu hüllen, befestigt mit Seilen und Kabeln. 41.800 m² Stoff, 13 km Seile, 12 Tonnen Kabel und Hunderte von Menschen wurden für einige Wochen mobilisiert.
Tatsächlich nahm die Brücke für zwei Wochen, vom 22. September bis 5. Oktober 1985, eine völlig neue Dimension an. Drei Millionen Besucher kamen, um sie zu sehen — manche überquerten sie, andere verweilten, und viele betrachteten einfach die Seine, gehüllt in eine neue Stille, ein neues Licht.
Das Konzept war kühn: ein funktionales Monument — eine Brücke — in ein Kunstwerk, eine ephemere Skulptur, einen Moment des Bruchs zu verwandeln. Der öffentliche Raum wurde zur Galerie, und die Stadt selbst zum Kunstwerk. Christo und Jeanne‑Claude zeigten, dass eine Brücke, eine Straße oder ein Gebäude transformiert werden kann — dass Kunst das Alltägliche aneignen kann.
Vierzig Jahre später erinnern sich noch viele daran. In diesem kollektiven Gedächtnis nimmt JRs Hommage Gestalt an — nicht als einfache Kopie, sondern als Neuinterpretation.

2026 — JRs Vision: Eine „Höhle“, um Paris zu verzaubern
JR hatte nicht die Absicht, eine einfache „Verpackung“ zu schaffen. Sein Projekt trägt den Namen La Caverne du Pont Neuf, und das aus gutem Grund: Der Künstler stellt sich vor, die Brücke in eine Höhle zu verwandeln – eine Anspielung auf Felsen, Hohlräume und Rohmaterial, eingebettet im Herzen von Paris. In seiner Vision verbindet sich der Pont Neuf, ursprünglich aus Pariser Stein gehauen, wieder mit seinen mineralischen Ursprüngen. JR erklärt, dass er nicht nur dem Werk von Christo und Jeanne‑Claude, sondern auch der Geschichte der Brücke, ihrer Steine und Steinbrüche Tribut zollen möchte.
Die Installation, etwa 120 Meter lang, wird die Brücke von einem Ende zum anderen überspannen. Besucher*innen können hindurchgehen – zu Fuß, mit dem Fahrrad oder einfach vom Ufer oder einem Ausflugsboot aus bewundern. Sie wird Tag und Nacht frei zugänglich sein. JRs Ansatz kombiniert Immersion, Trompe-l’œil, Illusion, Architektur und Poesie. Ziel ist es nicht, die Brücke zu verstecken, sondern sie auf eine neue Weise zu zeigen, sodass Stein, Geschichte und urbaner Raum lebendig, formbar und bereit für neue Wahrnehmungen wirken.
In der offiziellen Erklärung sagt JR: „Meine Vision für dieses Projekt schöpft Inspiration sowohl aus der Vergangenheit als auch aus der Gegenwart dieser ikonischen Brücke.“
Dieses kühne Vorhaben – ein historisches Denkmal in einem öffentlichen und temporären Raum in ein immersives Kunstwerk zu verwandeln – verspricht, eines der gewagtesten Projekte zu werden, die er je unternommen hat.

Private Finanzierung
Die Finanzierung von La Caverne du Pont Neuf beruht vollständig auf privaten Mitteln, ganz in der Tradition von Christo und Jeanne‑Claude bei ihren ephemeren Werken. Das Projekt wird insbesondere durch den Stiftungsfonds L’Amicale des Ponts de Paris unterstützt, in Partnerschaft mit der Christo- und Jeanne‑Claude-Stiftung, die das künstlerische Erbe des Paares bewahrt und fördert. Dieser Ansatz ermöglicht es JR, vollständige künstlerische Autonomie zu bewahren und gleichzeitig die logistischen und personellen Ressourcen für eine Installation dieses Umfangs zu mobilisieren. Für die Öffentlichkeit und die Stadt bedeutet dies, dass das Kunstwerk völlig kostenlos und für alle zugänglich sein wird, und zwar als immersive Erfahrung ohne den Einsatz öffentlicher Gelder, während Qualität und Sicherheit dank privater Förderung gewährleistet bleiben.
JR – Von den Pariser Vorstädten zum weltreisenden Künstler
Geboren 1983, wuchs JR in den Vorstädten von Paris auf. Er kam früh mit Graffiti und Street Art in Berührung, doch seine einzigartige Stimme entwickelte sich vor allem durch Fotografie und Collage. In den 2000er Jahren begann er, lebensgroße Porträts von Jugendlichen aus den Vorstädten zu veröffentlichen – ein Weg, um Stereotype zu hinterfragen und Bevölkerungsgruppen sichtbar zu machen, die in den traditionellen Medien oft unsichtbar bleiben.
Sein erstes großes Projekt, Portraits of a Generation (2004–2006), setzte sich mit den Klischees über das Leben in den Vorstädten auseinander. In einem globalen Kontext, der manchmal von Konflikten oder Härten geprägt ist, nutzt JR seine Kunst als Instrument für Erinnerung, Sichtbarkeit und Reflexion. Er hat in Konfliktzonen, Gefängnissen und benachteiligten Vierteln gearbeitet – stets mit dem gleichen Ziel: Empathie, Bewusstsein und Würde zu wecken.
Durch seine Stiftung Can Art Change The World? entwickelt JR die Idee weiter, dass Kunst, Kultur und Bildung sozialen Wandel sowohl lokal als auch global vorantreiben können.
Von Standbildern zu monumentalen Installationen
Im Laufe der Zeit hat JR den Maßstab seiner Ambitionen erweitert. Die Collagen an Vorstadtwänden gehören der Vergangenheit an; heute widmet er sich Monumenten, Gebäuden und ikonischer Architektur. Zu seinen Meilensteinen gehören:
2023, Retour à la Caverne — eine Installation an der Fassade der Opéra Garnier, die die Betrachter einlädt, zu einem vom Naturreich inspirierten Romantizismus zurückzukehren.
Weitere monumentale Trompe-l’œil-Werke, transformierte Fassaden, Collagen und sozial engagierte Projekte in mehreren europäischen Städten zielen darauf ab, Kunst öffentlich, zugänglich und zum Nachdenken anregend zu machen.
Heute gehört JR zu den sichtbarsten und einflussreichsten zeitgenössischen Künstlern der Welt – nicht, um sich selbst zu präsentieren, sondern um die Welt zu zeigen: ihre Gesichter, ihre Risse, ihre Schönheit und ihre Widersprüche.
Warum „La Caverne du Pont Neuf“ ein Wendepunkt ist – für Paris, öffentliche Kunst und Erinnerung
Vierzig Jahre nach der „Verpackung“ von Christo und Jeanne‑Claude repliziert JR nicht einfach – er resoniert. Er bedeckt die Brücke nicht mit Stoff; er gräbt, modelliert und transformiert. La Caverne du Pont Neuf schließt sich der Erinnerung an, während sie neu interpretiert wird, und erinnert uns daran, dass Geschichte nicht eingefroren, sondern neu erlebt werden sollte.
Wie seine Collagen von Vorstadtvierteln oder Porträts vergessener Bezirke betont JR, dass Kunst nicht nur einer Elite oder Galerien vorbehalten sein sollte. Der Pont Neuf, wie jeder öffentliche Raum, gehört allen. Zwei Wochen lang wird er buchstäblich offen sein für Fantasie, Überraschung und Staunen – kostenlos.
Für viele war die Erinnerung an 1985 der Anblick einer transformierten Brücke, das Konzept eines „verpackten“ Monuments, die merkwürdige Vertrautheit, die sich verwandelte. JRs Arbeit verspricht einen noch größeren Sprung: die Brücke überqueren, durch die Höhle gehen, die Seine durch unwahrscheinliche Bögen sehen, Paris aus einer neuen Perspektive wiederentdecken. Hier wird Kunst nicht nur betrachtet, sondern erlebt.
In einer Welt, in der Kunst manchmal hinter Museumswänden gefangen ist, zeigt dieses Projekt, dass urbaner Raum ein Territorium für Ausdruck, Debatte und Poesie ist. Die Stadt selbst kann zur Skulptur, zum Szenario, zur Erzählung werden. In den Fußstapfen von Christo und Jeanne‑Claude bringt JR die Kunst zurück auf die Straßen, in den Alltag und ins gemeinsame Erleben.
Eine Hommage und ein Traum
Wenn JR seine Aufmerksamkeit auf den Pont Neuf richtet, ist es nicht nur eine Hommage – es ist ein Akt der Erinnerung, des Zeugnisses und der Vorstellungskraft. La Caverne du Pont Neuf vereint Vergangenheit (die Steine, die Geschichte), Gegenwart (unsere Wünsche, unser Blick) und Zukunft (unsere Interpretationen, unsere Erinnerungen).
Die Brücke, die seit Jahrhunderten überquert wird, hat die Geschichte von Paris miterlebt. Heute wird sie die Geschichte der erneuerten Kunst miterleben – urban, ephemer, lebendig und geteilt. JR fügt ihren Bögen keine Gewichte oder Kabel hinzu, sondern Fantasie.
Wenn Besucher unter den Gewölben der Höhle gehen, früh am Morgen oder spät in der Nacht, bei ruhiger Seine und gedimmtem Licht, werden sie den Pont Neuf wie nie zuvor sehen. Nicht nur ein Übergang, sondern ein offener Raum – zwischen Erinnerung und Illusion, Stein und Traum, Stadt und Poesie.
Es könnte eines der seltenen Momente sein, in denen eine Brücke weniger eine Verbindung zwischen zwei Ufern und mehr ein Durchgang zur Vorstellungskraft wird – die wahre Bedeutung einer „neu erfundenen Brücke“.
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