Fünf Jahre schon: Daniel Arshams erodierter Zeus, eine zeitgenössische Ikone im Herzen von La Défense
- Romain Class
- 5. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat sich La Défense als Freiluftlabor etabliert, in dem Architektur, Stadtplanung und Kunst in einem ständigen Dialog stehen. Als eines der emblematischsten Geschäftsviertel Europas ist es nicht nur ein Zentrum wirtschaftlicher Aktivität, sondern auch ein Raum für kulturelle Experimente. Durch seine frei zugängliche Sammlung monumentaler Kunstwerke hat La Défense eine einzigartige Identität geschaffen, in der Kunst Teil des alltäglichen Erlebens der Passanten wird.
In diesem Kontext wurde vor fünf Jahren Daniel Arshams „Bronze Eroded Bust of Zeus“ installiert. Im Rahmen der Ausgabe 2021 des zeitgenössischen Kunstprogramms Les Extatiques präsentiert, war die Skulptur vier Monate lang (von Juni bis Oktober 2021) ausgestellt. Die Arbeit hinterließ einen bleibenden Eindruck durch ihre starke visuelle Präsenz, ihre symbolische Aussagekraft und ihre Fähigkeit, tiefgreifende, zeitliche Dimensionen in einem Umfeld hervorzurufen, das auf Leistung und Zukunft ausgerichtet ist.

Ein Zeus aus einer imaginären Zukunft
Auf den ersten Blick erkennen Betrachter sofort die mythologische Figur des Zeus, Herrscher der Olympischen Götter und Verkörperung von Autorität, Macht und Beständigkeit. Doch etwas trübt diese Wiedererkennung: Das Gesicht wirkt verändert, als wäre es vom Zahn der Zeit gezeichnet, rissig, fast verschwunden. Fragmente kristalliner Materialien treten aus der Bronzetoberfläche hervor und suggerieren einen langsamen und unumkehrbaren Verfall.
Diese Ästhetik der Ruine steht im Zentrum von Daniel Arshams Arbeit. Der Künstler zeigt kein Relikt der Vergangenheit, sondern ein Artefakt aus der Zukunft. Der Zeus auf der Esplanade von La Défense wirkt, als sei er von einer späteren Zivilisation entdeckt worden, wie eine archäologische Spur einer verlorenen Welt. Diese zeitliche Umkehrung – die Gegenwart so zu betrachten, als sei sie bereits eine Ruine – zählt zu den markantesten Signaturen des Künstlers.
Eine bewährte Technik
Die Entstehung der Bronze Eroded Bust of Zeus beruht auf einer Kombination aus klassischen Bildhauertechniken und zeitgenössischen Verfahren, die typisch für Daniel Arshams Ansatz sind. Die Arbeit wird zunächst anhand eines Modells gestaltet, das von antiken Büsten inspiriert ist, und im Atelier so verfeinert, dass die „degradierten“ Bereiche von Anfang an integriert werden. Anschließend wird die Büste in Bronze gegossen, nach traditionellem Formverfahren, und patiniert, um ihr das Aussehen eines antiken Artefakts zu verleihen.
Zu dieser klassischen Basis fügt Arsham seine charakteristische Intervention hinzu: gezielt erodierte Bereiche, in die kristalline Elemente aus poliertem Edelstahl eingelassen sind. Diese Einschlüsse, die scheinbar aus dem Inneren der Skulptur selbst hervortreten, erinnern an eine langsame geologische Transformation, als hätte die Zeit das Material verändert. Dieses Spannungsverhältnis zwischen der Solidität des Bronzes und der scheinbaren Fragilität der Erosion verleiht dem Werk das Erscheinungsbild eines zukünftigen Relikts, gleichzeitig stabil und im Wandel, im Kern seiner visuellen Sprache.

Fiktive Archäologie als künstlerische Sprache
Seit mehreren Jahren entwickelt Daniel Arsham ein Konzept, das er selbst als „fiktive Archäologie“ bezeichnet. Durch seine Skulpturen stellt er sich zeitgenössische Objekte, Symbole und kulturelle Figuren so vor, als würden sie aus einer fernen Zukunft betrachtet. In dieser Logik werden Ikonen aus Mythologie, Kunstgeschichte oder Popkultur zu fragilen Zeugen unserer Zivilisation.
Mit der Bronze Eroded Bust of Zeus gewinnt diese Reflexion eine universelle Dimension. Zeus, die zeitlose Verkörperung von Macht, wird als verletzlich, verändert und der Erosion ausgesetzt dargestellt. Das Werk hinterfragt die Vorstellung von Beständigkeit: Was überdauert tatsächlich den Lauf der Zeit? Sind Mythen, Reiche und Herrschaftssymbole so ewig, wie sie vorgeben zu sein?
Sophie Renard, Kunstkritikerin und Essayistin für zeitgenössische Kunst, bemerkt: „Mit seinem erodierten Zeus lädt Daniel Arsham uns ein, unsere Gegenwart als zukünftige Ruine zu betrachten – eine Projektion, so poetisch wie schwindelerregend.“
Ein eindrucksvoller Dialog mit der Architektur von La Défense
Auf der Esplanade installiert, ging die Skulptur in direkten Dialog mit den umliegenden Glas- und Stahltürmen. Dieser Kontrast zwischen hochmoderner Urbanität und der fragmentierten antiken Figur verstärkte die Wirkung des Werkes. Wo Wolkenkratzer wirtschaftliche Macht, Rationalität und Zukunftsorientierung symbolisieren, erinnerte der erodierte Zeus an die Fragilität menschlicher Konstruktionen, selbst der monumentalsten.
Für Passanten – Angestellte, Besucher, Touristen oder Anwohner – bot die Skulptur eine Unterbrechung des täglichen Rhythmus. Sie lud dazu ein, innezuhalten, zu beobachten und zu reflektieren. In einem Stadtviertel, das oft als funktional und unpersönlich wahrgenommen wird, führte das Werk eine sensible, fast meditative Dimension wieder ein.
Les Extatiques: Kunst als kollektives Erlebnis
Die Präsenz von Arshams Zeus war Teil des umfassenderen Les Extatiques-Programms, einer künstlerischen Route, die als immersive Wanderung zwischen La Seine Musicale und La Défense konzipiert wurde. Ziel der Veranstaltung war klar: zeitgenössische Kunst aus geschlossenen Räumen herausholen, für alle zugänglich machen und eine direkte Begegnung zwischen Werk und Publikum schaffen.
In diesem Kontext avancierte Daniel Arshams Skulptur zu einem der denkwürdigsten Werke der Ausstellung. Mit ihrer sofort erkennbaren Ästhetik und symbolischen Kraft erreichte sie ein Publikum weit über die üblichen Kreise der zeitgenössischen Kunst hinaus.

Fünf Jahre später: Ein Werk, das weiterhin im Gedächtnis bleibt
Heute, fünf Jahre nach seiner Installation, nimmt der erodierte Zeus weiterhin einen besonderen Platz im kollektiven Gedächtnis ein. Selbst für diejenigen, die ihm nur kurz begegnet sind, bleibt das Bild haften: das eines zerbrechlichen antiken Gottes, der einer Welt aus Glas und Beton gegenübersteht.
Die Feier dieses Jahrestags unterstreicht zudem die zentrale Rolle von Kunst im öffentlichen Raum bei der Gestaltung urbaner Identität. Durch dieses Werk hat La Défense gezeigt, dass Kunst gleichzeitig spektakulär, zugänglich und tiefgründig reflektierend sein kann und einen Durchgangsraum in einen Ort der Kontemplation verwandelt.
Julien Moreau, Kunsthistoriker, bemerkt: „Im Angesicht der Glas- und Stahltürme erinnerte uns Daniel Arshams fragmentierter Zeus daran, dass selbst Symbole der Macht der Erosion der Zeit unterliegen.“

Daniel Arsham — Biografie
Daniel Arsham wurde 1980 in Cleveland, Ohio, geboren und wuchs in Miami auf. Er ist ein multidisziplinärer amerikanischer Künstler, der an der Schnittstelle von Skulptur, Architektur, Zeichnung und Performance arbeitet. Heute lebt und arbeitet er in New York.
Als Absolvent der Cooper Union erlangte er schnell Anerkennung für seinen einzigartigen Umgang mit Raum und Zeit. Früh in seiner Karriere arbeitete er mit Architekten, Choreografen und Modedesignern zusammen und verwischte die Grenzen zwischen den Disziplinen. Seine Arbeit ist stark beeinflusst von der modernistischen Architektur, der Geologie und der klassischen Kunstgeschichte.
Daniel Arsham ist international bekannt für seine sogenannten Fictive Archaeology-Skulpturen, in denen er kulturelle Objekte – antike Statuen, elektronische Geräte oder Comicfiguren – so darstellt, als seien sie Jahrhunderte später entdeckt worden. Seine Werke verwenden häufig Materialien, die Transformation und Erosion symbolisieren, wie Quarz, Gips, Bronze oder Harz.
Seine Arbeiten wurden in bedeutenden Institutionen wie dem MoMA PS1, dem Palais de Tokyo und der Biennale von Venedig ausgestellt. Arsham arbeitet zudem mit zahlreichen Marken und Persönlichkeiten aus der zeitgenössischen Kultur zusammen – von Mode bis Sport – und bewahrt dabei einen kohärenten und konzeptuellen künstlerischen Ansatz.
Durch seine Arbeit lädt Daniel Arsham die Betrachter ein, die Gegenwart als zukünftige Vergangenheit zu betrachten und darüber nachzudenken, was unsere Zivilisation hinterlassen wird – eine Frage, die sein erodierter Zeus in La Défense weiterhin kraftvoll und elegant aufwirft.
Lesen Sie auf unserem Blog:





Kommentare