Neue Invader-Invasion in Amiens, Frankreich
- Romain Class
- 20. Juni 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Feb.
In den letzten Tagen waren die Einwohner von Amiens überrascht, rund fünfzehn kleine, farbenfrohe Mosaike zu entdecken, die unauffällig an den Wänden der Stadt angebracht wurden. Es handelt sich um Werke von Invader, einem weltweit bekannten französischen Street-Art-Künstler, der für seine vom pixeligen Universum der Videospiele der 1980er-Jahre inspirierten Kreationen berühmt ist. Getreu seinem Stil hat er Figuren aus Keramikkacheln in den Straßen von Amiens verteilt, die häufig die berühmten Außerirdischen aus dem Spiel Space Invaders darstellen, aber auch einige lokalere oder unerwartete Referenzen aufgreifen.
Diese Installationen, die stets heimlich durchgeführt werden, verwandeln die Stadt in einen künstlerischen Spielplatz und erweitern ein globales Gesamtwerk, das mittlerweile mehr als 4.000 Mosaike in nahezu 80 Städten weltweit umfasst.

Eine Retro-Ästhetik in historischem Umfeld
In Amiens fällt der Kontrast zwischen der historischen Architektur der Stadt – allen voran der majestätischen Kathedrale Notre-Dame – und der digitalen Ästhetik von Invaders Werk sofort ins Auge. Die Wahl dieser Stadt, die bislang noch nicht Teil des globalen Projekts des Künstlers war, zeugt von dem Wunsch, den Umfang seiner künstlerischen Invasion weiter auszudehnen und dabei sowohl ikonische als auch unerwartete Orte ins Visier zu nehmen. Einige Mosaike wurden in der Nähe des Viertels Saint-Leu platziert, andere unweit des Bahnhofs oder des Jules-Verne-Hauses, wodurch den Installationen eine zusätzliche narrative Ebene verliehen wird.
Diese Werke sind nicht nur Kunstobjekte – sie schaffen einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen monumentalischem Kulturerbe und Popkultur, zwischen akademischer Kunst und zeitgenössischem urbanem Ausdruck. Weit davon entfernt, aufdringlich zu wirken, erscheinen sie vielmehr als subtile Anspielungen auf die lokale Geschichte, die sich nahtlos in ihre Umgebung einfügen.
Eine digitale Schatzsuche unter freiem Himmel
Invaders Ziel ist nicht rein ästhetisch: Er bietet zugleich ein spielerisches, partizipatives Erlebnis. Mithilfe der Smartphone-App FlashInvaders können Passanten die im öffentlichen Raum entdeckten Kunstwerke scannen und über eine von klassischen Videospielen inspirierte Benutzeroberfläche Punkte sammeln. Diese urbane Schatzsuche weckt die Neugier sowohl der Einwohner als auch der Touristen, die durch die Stadt streifen, um die Mosaike aufzuspüren – einige offen sichtbar, andere geschickt in verborgenere Ecken integriert.
In Amiens ließen die Reaktionen in den sozialen Netzwerken nicht lange auf sich warten: Die ersten „Flashes“ wurden nur wenige Stunden nach der Installation der Mosaike geteilt, und einige Enthusiasten organisierten sogar gemeinsame Streifzüge, um sie zu finden. Die Stadt wird so zu einer interaktiven Leinwand, an deren jeder Straßenecke eine neue Entdeckung warten kann.
Ein künstlerischer Akt außerhalb offizieller Strukturen
Invader arbeitet außerhalb institutioneller Rahmenbedingungen. Er benötigt keine Genehmigung und installiert seine Werke anonym, oft nachts und mit nahezu militärischer Präzision. Jedes Mosaik wird im Voraus in seinem Pariser Atelier entworfen, nummeriert und dokumentiert und anschließend innerhalb weniger Minuten mit extrem starkem Kleber angebracht. Der Künstler setzt sich für eine freie, vergängliche und häufig bedrohte Kunst ein. Tatsächlich werden einige seiner Werke abgerissen oder gestohlen, wodurch ihrem Standort die Bedeutung entzogen und dem Werk sein kontextueller Wert genommen wird.
Er warnt regelmäßig vor Versuchen kommerzieller Aneignung: Ein Werk, das von seiner Wand entfernt wird, verliert seine Funktion, seine Poesie und seine Authentizität. Für Invader ist die Stadt zugleich Medium, Bühne und Partner – jeder Versuch der Entfernung tötet das Werk.
Als Opfer ihres eigenen Erfolgs existieren zahlreiche gefälschte Invader-Arbeiten, die in Online-Galerien und insbesondere bei Auktionen verkauft werden. Dies gilt besonders für die sogenannten „Invasion Kits“, Mosaike, die in einer durchschnittlichen Auflage von 200 Exemplaren veröffentlicht wurden und dazu bestimmt sind, von seinen Fans zu Hause angebracht zu werden. Zwischen 2000 und 2018 schuf Invader rund zwanzig solcher Kits.
Weitere Informationen zu den Invasion Kits finden Sie unter www.invader-kits.com.
Biografie eines maskierten Künstlers
Hinter dem Pseudonym Invader verbirgt sich ein 1969 geborener französischer Künstler und Absolvent der École des Beaux-Arts in Paris. Seine genaue Identität bleibt geheim, doch seine Werke werden heute in den bedeutendsten Museen für zeitgenössische Kunst ausgestellt. Sein Projekt Space Invaders begann er 1998 in Paris – mit der Idee, Städte weltweit mit seinen von frühen Arcade-Videospielen inspirierten Mosaiken zu infiltrieren.
Seine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Street Art, Pixel Art und Performancekunst.
Weit über Paris hinaus hat Invader Metropolen wie Tokio, New York, London, Los Angeles, Hongkong, Rom und Dakar „erobert“. Darüber hinaus entwickelt der Künstler Galerieausstellungen, limitierte Editionen, Skulpturen und Videos, doch sein Invasionsprojekt bleibt das Herzstück seines Schaffens. Dadurch hinterfragt er die Rolle der Kunst im urbanen Raum, die Möglichkeit eines poetischen Blicks auf den Alltag und die Art und Weise, wie sich ein Werk in das Stadtgefüge einfügen und es zugleich sichtbar machen kann.
Eine universelle Bildsprache und lokale Bezüge
Das Pixel – eine universelle Bildsprache aus der digitalen Kultur – ist zu seinem visuellen Alphabet geworden. Mit seinen Mosaiken spielt Invader mit Kindheit und Nostalgie, aber auch mit der Geopolitik der Städte: Er arbeitet in Hauptstädten ebenso wie in mittelgroßen Städten, in Touristengebieten ebenso wie in Arbeitervierteln.
Jedes Werk ist einzigartig und für seinen jeweiligen Standort konzipiert – manchmal mit Bezug zur lokalen Kultur, manchmal einfach, um zu überraschen. In Amiens sahen einige Anspielungen auf Science-Fiction-Romane – eine indirekte Hommage an Jules Verne, die emblematische Figur der Stadt – oder auf Wissenschaft und Raumfahrt. Andere Mosaike wirken abstrakter oder dekorativer und spielen lediglich mit Farben und Formen. Diese Vielfalt verstärkt Neugier und Überraschungseffekt.
Vor Amiens: Orléans und das Baskenland im Visier
Die Invasion von Amiens ist Teil einer umfassenderen Dynamik. Im März 2025 schlug Invader bereits in Orléans zu, wo er rund zwanzig Werke an emblematischen Orten der Stadt platzierte, etwa am Place du Martroi, an den Ufern der Loire oder in der Umgebung der Kathedrale Sainte-Croix. Auch hier spielte er mit lokalen Codes: Einige Mosaike zeigten Jeanne d’Arc in einer 8-Bit-Version, andere zollten der mittelalterlichen Geschichte der Stadt Tribut.
Ebenso fanden im November 2024 mehrere Interventionen im Baskenland statt, insbesondere in Biarritz, Bayonne, Saint-Jean-de-Luz und Guéthary. Diese Mosaike, teils inspiriert von der Meereswelt, vom Surfen oder vom baskischen Pelota-Spielfeld (Fronton), setzen farbige Akzente an den Fassaden entlang der Küste und schaffen einen unerwarteten Dialog zwischen regionaler Tradition und pixelierter Kultur. Eines davon, in Anglet, zeigt ein stilisiertes, pixeliertes Surfbrett – ein Beweis dafür, dass der Künstler seine Bildsprache auch im Rhythmus lokaler Identitäten zum Schwingen bringt.

Ein globales Werk in ständiger Bewegung
Mit Amiens, Orléans, dem Baskenland und vielen weiteren Städten setzt Invader sein ehrgeiziges Projekt künstlerischer Invasion auf globaler Ebene fort. Jedes Mosaik, das er installiert, ist ein Teil dieses weltweiten Puzzles – zugleich dezent und monumental. Der Künstler, stets maskiert, hinterlässt leuchtende, verspielte und poetische Spuren.
Durch seine Werke erfindet er unsere Beziehung zum urbanen Raum neu, verwandelt den Alltag in ein Beobachtungsfeld und lädt jeden dazu ein, die Schönheit zu entdecken, die dort entsteht, wo man sie am wenigsten erwartet. Seine Kunst – frei, großzügig und flüchtig – wirkt wie ein frischer Atemzug in eingefrorenen Landschaften. Sie erinnert uns daran, dass selbst an einer gewöhnlichen Backsteinwand ein Pixel von anderswo erscheinen kann und eine einfache Botschaft trägt: Kunst ist überall, solange wir bereit sind, sie zu sehen.
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